Unwort im Wörterbuch markiert

Von Wörtern und Unwörtern

Heute wurde das Unwort 2022 bekannt gegeben. Gekürt wurde „Klimaterroristen“. Die populistische Bezeichnung für KlimaschutzaktivistInnen, die besonders gegen Jahresende im Zusammenhang mit den Klebeaktionen der Letzten Generation die Runde machte, wird begleitet vom Wort „Sozialtourismus“ auf dem zweiten Platz. Dies ist wiederum ein Widergänger und stand bereits als Unwort des Jahres 2013 auf dem 1. Platz der unsäglichen Liste.

Die Jury erhielt für das Jahr 2022 nach eigenen Angaben mehr als 1.400 Vorschläge, die Interessierte eingereicht hatten. In einer vorab veröffentlichen Pressemitteilung zur Bekanntgabe des Unworts 2022 hieß es, dass noch am Anfang 2022 die Corona-Pandemie die Unwortvorschläge dominierte. Mit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine Ende Februar habe dies schlagartig abgenommen. Einmal mehr ist also nicht nur das Unwort selbst, sondern es sind auch die Einsendungen Spiegel aktueller Diskussionen und Diskurse in der Gesellschaft. Die verwendeten Wörter und Wortneuschöpfungen geben dabei auch immer Aufschluss über gesellschaftliche Stimmungslagen und den Duktus in dem Positionen vorgebracht werden. Da die Jury mit der Kür des „Unwortes“ auf unangemessenen Sprachgebrauch aufmerksam machen will, ist allein die Anzahl von 1.400 zugesendeten – und damit als unangemessenen Sprachgebrauch empfundene – Wörter schon ein Zeichen für sich, was die Wahrnehmung von Diskussionen und öffentlichen Äußerungen betrifft.

Unwörter seit 1991

Die Unwörter des Jahres werden seit 1991 gekürt. Schaut man sich die Liste der bisherigen Unwörter verbunden mit den Personen an, die diese das erste Mal oder besonders prominent verwendeten, kommt der politischen Sphähre meiner Wahrnehmung nach eine besondere Rolle zu. Nicht selten handelt es sich nämlich um Wörter, die inzwischen entweder durch politisches Spitzenpersonal oder im Rahmen von politischen Debatten genutzt werden.

1991 war „ausländerfrei“ noch das Unwort des Jahres. Die Anschläge in Hoyerswerda und die damit verbundenen Parolen bildeten überhaupt erst die Anlass, Wörter zu benennen, die das gesellschaftliche Miteinander grundsätzlich in Frage stellen.

„Mit der Kür des „Unwortes“ soll auf unangemessenen Sprachgebrauch aufmerksam gemacht und so sensibilisiert werden. Die Jury rügt Begriffe, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistisch, verschleiernd oder irreführend sind“

heißt es zur Beschreibung der Aktion „Unwort des Jahres“.

Seitdem sind einige Wörter gekürt worden, die im parlamentarischen Raum ziemlich selbstverständlich genutzt oder gar dort geprägt worden. Das zweitplatzierte „Sozialtourismus“ (bereits Unwort des Jahres 2013) ist ein Beispiel, wie in demokratischen Spektren der politischen Akteurs- und Parteienlandschaft fragwürdige Wort(neu)schöpfungen verwendet werden.

2022 hatte Friedrich Merz das Wort im Zusammenhang mit flüchtenden Menschen aus der Ukraine verwendet und damit – so die mediale Ressonanz – auch Narrative der Kremlpropaganda übernommen. Rasch ruderte er zurück und entschuldigte sich für die Verwerndung des Wortes (so richtig aber nicht für die damit verbundene inhaltliche Aussage). Es bleibt: möglicherweise unbedacht(?) wurde – wieder einmal – ein Wort und Sprachbild genutzt, dass Menschen niedere Motive unterstellt, herabwürdigt und für das adressierte Themenfeld keine sinnvolle Diskussionsbasis legt.

Das Wort „Sozialtourismus“ selbst wurde im Bundestag das erste Mal als befürchtete Zuwanderung in soziale Sicherungssystem der Bundesrepublikt Deutschland durch Akteure der schwarz-gelben Koalition in Debatten zur europäischen Sozialpoltik 1989/1990 genutzt. Die 90er und 200er Jahre bieten immer wieder Fundstellen für diese Verwendung im Bundestag. Widerspruch ist eher nicht wahrnehmbar. Es ist also schon ein gewisser Fortschritt spürbar, wenn der Oppositionsführer Merz im September 2022 ein abwertendes Wort verwendet, Politik sowie Medien hellhörig werden, aktiv widersprechen und die gewählten Sprachbilder kritisieren.

Nun besteht aber heute ein allgemeiner Glaube darin, politische Botschaften müssten zugespitzt oder provokant vorgetragen werden, um im Rauschen von Medien und Social-Media Gehör und Reichweite zu finden. Dass mit der Verwendung polarisierender und provokanter Vokabeln diese Sprachbilder aber auch Einzug in die breite Gesellschaft halten, Tabu-Grenzen verschoben werden und Dinge (wieder) sagbar werden, die einer auf Erkenntnis und Konsens ausgelegten Diskussionskultur nicht zuträglich sind, scheint dabei eher unbedacht zu bleiben. Noch unbedachtet jedenfalls als die eigentliche Wortwahl.

Das Wort „Klimaterroristen“ und sein inhaltlicher Weggefährte „Klimahysterie“ – die Unworte des Jahres 2022 und 2019 – werden im Bundestag ebenfalls benutzt. Allerdings sind es hier bisher einzig Abgeordnete der AfD, die laut Bundestagsprotokollen zu dieser Wortwahl bisher gegriffen haben. Außerhalb des Plenums sind diese Wörter im AfD-Umfeld seit Jahren sowieso en vogue. Beachtenswert ist, wie sich der Inhalt des Unwortes 2022 aber in politische Aussagen anderer Parteien und Akteure wiederfindet. Zu erinnern sei hier nur beispielhaft an den Ausdruck „Klima-RAF“. Die Jury hatte diesen Gesamtkontext als Begründung für Entscheidung zum Unwort 2022 schließlich benannt.

Insofern kann also Sprachbewusstsein auch Indikatoren bilden, wie sich Diskurse verschieben, wie populistische oder herabwürdigende Anschauungen salonfähig gemacht werden und Einzug in gesellschaftliche Debatten halten, um diese völlig verunmöglichen.

Unwörter, Wortschöpfungen und Euphemismen

Weil ein solches Sprachbewusstsein meines Erachtens wichtig ist, sind (digitale) Tools und Hilfsmittel interessant, die sich mit Sprache und Worten im politischen Kontext befassen. Unwörter, Wortschöpfungen und Euphemismen im politischen Kontext sind nämlich einerseits stilprägend für gesellschaftliche Diskussionen und andererseits auch Spiegel gesellschaftlicher Diskussionsstände inkl. verwendeter Sprachbilder und Wörter. Mir sind in den letzten Wochen zwei Tools begegnet, die in diesem Zusammenhang hier Erwähnung finden sollen.

Marcel Schneuer hat auf Grundlage der inzwischen als OpenData zur Verfügung stehenden Protokolle aller 19 Bundestagslegislaturen ein Tool erstellt, das Wortneuschöpfungen identifiziert. Auf Mastodon und Twitter ist „Bundestag First Said“ vertreten. Täglich gibt es dort skurille aber auch denkwürdige Wörter. Einige davon haben mindestens auf den ersten Blick Potential, es auf die Vorschlagsliste zum Unwort des Jahres zu schaffen.



Das gesamte Projekt ist sehr gut dokumentiert: https://schneuer.online/blog/projekt-bundestag-first-said/. Ähnliche Projekte mit anderen OpenData-Textkörpern wäre denkbar – Landtage, Medienartikel, Social-Media-Posts etc. Ein bei Marcel Schneuer genanntes Beispiel wäre der Bot „New York Times First Said“.

Ebenfalls interessant ist „Open Discourse“ von einem Team der Limebit GmbH in Berlin. Das Projekt hat die Bundestagsprotokolle seit 1949 „aufgebrochen und analysierbar“ gemacht. Neu ist neben der Volltextsuche – die es auch auf bundestag.de gibt – die Diskursanalyse. So lässt sich zum Beispiel ermitteln, wann über ein Thema im Bundestag besonders itensiv in den letzten Jahren debatiert wurde oder ab wann ein Thema überhaupt im Bundestag behandelt wurde.

Beispiel für eine Diskursanalyse auf opendiscourse.de

Die Vorauswahl der (Meta)Themen schränkt Möglichkeiten der Diskursanalyse meines Erachtens etwas ein, aber dennoch ist es ein sehr interessantes Hilfsmittel. Auch hier wäre eine Erweiterung auch andere Textkörper sinnvoll.

Beide Projekte sind übrigens Open Source.

Bild: Michael Anders