Am 20. September 2026 wird in Barth ein neuer Bürgermeister gewählt. Seit gestern steht das Bewerberfeld fest: Sechs Männer kandidieren für das Amt. Keine einzige Frau tritt an.
Zunächst einmal finde ich es grundsätzlich positiv, dass sechs Menschen bereit sind, für das Bürgermeisteramt zu kandidieren und Verantwortung für unsere Stadt zu übernehmen. Eine solche Kandidatur verlangt Zeit, Mut und die Bereitschaft, sich öffentlich einer Wahl zu stellen.
Trotzdem finde ich es schade und durchaus bemerkenswert, dass die Auswahl ausschließlich aus Männern besteht.
Das gilt umso mehr, weil Frauen auch in der Barther Stadtvertretung deutlich in der Minderheit sind und bereits auf den Kandidatenlisten zur Kommunalwahl 2024 vergleichsweise wenige Frauen vertreten waren. Es handelt sich dabei allerdings keineswegs um ein ausschließlich Barther Problem. Deutschlandweit werden eine groben Erhebung des Deutschen Städte- und Gemeindebundes aus 2024 nur rund 13,5 Prozent der Gemeinden von einer Bürgermeisterin geführt. Mecklenburg-Vorpommern liegt mit einem Frauenanteil von etwa 18,9 Prozent zwar über dem Bundesdurchschnitt. Aber auch bei uns im Land werden damit mehr als vier von fünf Bürgermeisterämtern von Männern ausgeübt.
Nun könnte man es sich einfach machen und sagen: „Es hätte doch jede Frau kandidieren können – offenbar wollte es keine.“ Formal stimmt das. Als Erklärung greift es aber zu kurz.
Wer für ein politisches Amt kandidiert, ist nicht allein eine Frage persönlicher Interessen oder individueller Fähigkeiten. Es hängt auch davon ab, wer angesprochen, ermutigt und als geeignete Person wahrgenommen wird. Es hängt von vorhandenen Netzwerken, gesellschaftlichen und politischen Rollenbildern, zeitlichen Ressourcen und der Vereinbarkeit eines politischen Engagements mit Beruf, Familie und Care-Arbeit ab.
Genau hier setzen Programme wie zum Beispiel das bundesweite und parteiübergreifende Projekt Frauen.Vielfalt.Politik an, das von der EAF Berlin und dem Deutschen LandFrauenverband e.V. getragen wird. Ziel ist es, strukturelle Hürden für die politische Beteiligung von Frauen abzubauen und die Rahmenbedingungen in der Kommunalpolitik inklusiver zu gestalten.
Dabei geht es nicht darum, Frauen lediglich zuzurufen, sie müssten sich eben häufiger aufstellen lassen. Es geht auch um die Strukturen, in denen politische Kandidaturen entstehen:
- Wer wird von Parteien, Wählergemeinschaften und politischen Netzwerken gezielt angesprochen?
- Wem wird ein solches Amt zugetraut?
- Welche Vorbilder sind sichtbar?
- Wie familien- und berufsfreundlich sind politische Sitzungen und Entscheidungsprozesse?
- Wie wird mit unterschiedlichen Kommunikationsstilen umgegangen?
- Und wie abschreckend wirken persönliche Angriffe, Sexismus, Hass und öffentliche Anfeindungen?Deshalb sollten wir beim Barther Bewerberfeld zur Bürgermeisterwahl nicht nur fragen: Warum kandidiert keine Frau?
Wir sollten ebenso fragen: Was können Parteien, Wählergemeinschaften, Vereine und die Stadtgesellschaft tun, damit Frauen eine Kandidatur künftig häufiger als realistische, unterstützte und attraktive Möglichkeit wahrnehmen?
Sechs männliche Bewerber bieten den Wählerinnen und Wählern eine demokratische Auswahl. Eine wirklich vielfältige Auswahl wäre dennoch etwas anderes.
Dabei geht es nicht darum, die vorhandenen Kandidaten abzuwerten oder ein bestimmtes Wahlergebnis vorwegzunehmen. Es geht um die langfristige Frage, wer in unserer Stadt sichtbar politische Verantwortung übernimmt und welche Menschen wir ermutigen, dies künftig ebenfalls zu tun. Denn eine lebendige kommunale Demokratie sollte möglichst viele unterschiedliche Erfahrungen, Lebenswirklichkeiten und Perspektiven abbilden.